
Michael Roither schreibt in den Salzburger Nachrichten vom 30.4.2011:
Chance statt Risiko. Technologie, Kommunikation und Kollaboration sind die Kernthemen, wenn es um den Arbeitsplatz der Zukunft geht. Manager Marcus Izmir und Forscher Michael Bartz erzählen im SN-Gespräch, warum.
Michael Roither Wien (SN). Zwei Ansätze, ein Thema: Marcus Izmir unterstützt mit seiner Firmengruppe seit 1986 Unternehmen dabei, mit zukunftsorientierten Technologien umzugehen bzw. diese strategisch einzusetzen – auf der Prozessebene, im Bereich der Technologie selbst und im Learning, bei der Wissensbildung. Michael Bartz war 18 Jahre lang in ähnlichen Bereichen in der Industrie tätig, unter anderem bei Capgemini und Microsoft. Kürzlich nahm er eine Professur im Bereich exportorientiertes Management an der Fachhochschule IMC Krems an, um sich dem Thema „Arbeitsplatz der Zukunft“ voll in Forschung und Lehre zu widmen.
Salzburger Nachrichten:
Meine Herren, was verstehen Sie unter den „neuen Technologien am Arbeitsplatz“?
Marcus Izmir: Zweierlei Dinge: Die technischen Tools und die Technik im Hintergrund, aber auch die strukturellen Rahmenbedingungen dafür, diese im Berufsalltag leben zu können.
Michael Bartz: Die Frage ist immer: Wie betrifft uns Technologie als Nutzer? Die Antwort darauf hat stets mit Kommunikation und Kollaboration zu tun. Einfaches Beispiel: Statt einer Dienstreise mache ich online eine Videokonferenz – das spart Zeit, Geld und vereinfacht die Kommunikation und Kollaboration.
SN: Wann haben die Veränderungen stattgefunden, die zu diesem Ansatz geführt haben?
Bartz: Vor der „Internetblase“ Ende der Neunziger haben alle an den Big Bang geglaubt, es kam aber vorerst nur warme Luft. Die große Revolution blieb aus, stattdessen gab es eine stetige Evolution: Die neuen Medien haben sich in unser Leben hinein entwickelt. Nehmen wir zum Beispiel Skype als Kommunikationswerkzeug: Mit solchen Tools lassen sich bei manchen mittleren Unternehmen Kosten in sechsstelliger Höhe kappen. Die Investition in Technologie hat also eine kurze Payback-Periode. Entscheidend ist neben dem ökonomischen Aspekt, dass die Veränderung – erstmals – nicht von den Unternehmen kam, indem sie die Gewohnheiten ihrer Mitarbeiter beeinflussen, sondern die Evolution vom privaten in den Geschäftsbereich ging.
SN: Wie gehen Unternehmen damit um?
Izmir: Was sich massiv verändern muss, ist der Zugang zum Umgang mit der Technologie:
Die „On-Off-Beziehung“ mit neuen Medien sollte aktiv genutzt, muss aber auch gemanagt, gesteuert werden. Zum Beispiel gibt es in kaum einem Unternehmen definierte Regeln dafür,
ob und, wenn ja, wie Notebooks bei Meetings einzusetzen sind. Das ist aber entscheidend: Am Ende muss mir das alles etwas bringen. Deshalb ist es wichtig, dass Unternehmen eine Umgangskultur entwickeln, umsetzen und pflegen. Das müssen nicht unbedingt starre Regeln sein, auch Empfehlungen sind möglich. Zu spezifische Regeln werden auch der Bandbreite von Qualifikationen im Unternehmen meist nicht gerecht. Deshalb braucht es ergänzend definierte Schnittstellen. Dadurch wird jedem klar, was wie wann wofür in welchem Ausmaß und aus welchem Grund verwendet werden soll.
Bartz: Und diese Abgrenzung kann man lernen – womit wir bei notwendiger Bildung und Weiterbildung inner- und außerhalb von Unternehmen wären. Die Investition in die neue Welt des Arbeitens besteht eben nur zu 30 Prozent aus Technologie, zu 70 Prozent aber aus einem begleiteten Change, mit neuen Regeln und sinnvollen Abgrenzungen. Über 60 Prozent in Unternehmen nutzen zwar bereits heute soziale Netzwerke. Entscheidend ist aber, alle Gruppen im Sinne des Unternehmens auf die richtige Art und Weise abzuholen und mitzunehmen – über Trainings, Plattformen für Wissensaustausch und vieles mehr.
SN: Wie nehmen die Unternehmen in Österreich diese Herausforderung wahr?
Izmir: Es gibt zwei Zugänge: Erstens, im Zuge von buchstäblichen Veränderungen der Arbeitsplatzes, beispielsweise durch Umzug oder Umbau des Unternehmens. Hier wird oft in Richtung „Arbeiten 2.0“ gedacht. Zweitens, über ein wachgerütteltes Management, das Technologie und Platz, besser nützen möchte. Unser nächster Schritt ist dann eine Analyse: Wo steht das Unternehmen im Umgang mit Kommunikationsmitteln, im Hinblick auf eine Kultur der Kollaboration? Danach stellen wir die Situation dar und empfehlen Maßnahmen.
SN: Wie ist diese Situation in den meisten Unternehmen – achten sie beispielsweise bereits bei der Einstellung neuer Mitarbeiter auf das „Arbeiten 2.0“?
Izmir: Derzeit gibt es da noch wenig Bewusstsein. Das notwendige wechselseitige Lernen von Alt und Jung, das oftmals sinnvolle Aufbrechen herkömmlicher Hierarchien, der Bedarf an vernetztem Denken – all das müssen viele Unternehmen erst wahrnehmen, um danach sinnvoll steuern zu können. Das gilt auch für den Personalbereich.
Bartz: Das kann sonst zum Boomerang werden: Denn die jungen „High Potentials“ gehen nur dorthin, wo es ein ihnen entsprechendes Arbeitsumfeld gibt – offen gegenüber neuen Kommunikationstechnologien, Netzwerkdenken, neuen Formen der Zusammenarbeit. Wer das nicht bietet, den ignorieren die „Digital Natives“, die Generation, die mit Computern aufgewachsen und heute bereits Anfang 30 ist.
SN: Haben viele Unternehmen noch Angst vor dieser Offenheit, diesem neuen Umgang mit Kommunikation und Technologie?
Izmir: Ja, aber die Tendenz ist besonders seit rund eineinhalb Jahren positiv. Immer mehr erkennen: Wir müssen eine andere Arbeitskultur schaffen.
SN: Was für Vorteile ergeben sich daraus für Unternehmen außer den bereits angesprochenen Kosten- und Zeitersparnissen?
Izmir: Das Wissen, die Informationen gelangen an die richtigen Stellen, sind für alle relevanten Personen transparent. Der Ausfall eines Mitarbeiters bedroht kein ganzes Projekt mehr. Das erhöht die Effizienz zusätzlich und schafft Sicherheit.
Bartz: 40 Prozent der Unternehmen nutzen heute schon Wikis und Blogs, um Wissen zu teilen, mit vielen positiven Folgen: Zum Beispiel wird „Remote Management“ möglich. Mitarbeiter arbeiten teils nicht mehr im Unternehmen, sie nützen die Option, zu Hause zu arbeiten. Das steigert messbar die Zufriedenheit, erhöht die Bindung, dadurch entstehen weniger Recruiting- und Trainingskosten, es werden Facility-Kosten gespart, was wiederum umweltfreundlich ist – und so weiter.
SN: Tun sich die „Digital Natives“ mit Schritten in diese Richtung leichter?
Bartz: Zweifellos. Aber etwa im Management stehen sowohl Alt als auch Jung vor den gleichen neuen Herausforderungen, die es bislang so nicht gab: Sie müssen Unsicherheiten aller Art in viel größerem Ausmaß einberechnen als früher, sie müssen immer schwerer fassbare Firmengebilde – „Unternehmenswolken“ – steuern.
SN: Wie kann so eine Unternehmenswolke der Zukunft aussehen?
Izmir: Sie wird von „Partners on Demand“ und freien Mitarbeitern dominiert und in weitgehend flachen hierarchischen Strukturen funktionieren. Physische Anwesenheit wird zunehmend unwichtig. Klassische Management-Kennzahlen werden neuen, für diese Gebilde geeigneteren Tools wie der „Balanced Scorecard“ (ein modernes Konzept zur Messung, Dokumentation und Steuerung der Aktivitäten eines Unternehmens, Anm.) weichen.
SN: Für welche Bereiche der Wirtschaft gilt diese Einschätzung?
Izmir: Für alle. Natürlich ist der Teil der Wirtschaft, der sich mit Wissen und Information beschäftigt, hier Vorreiter. Aber grundsätzlich ergeben sich für alle Bereiche entscheidende Wettbewerbsvorteile.
Bartz: Nehmen wir den Produktionsbereich: Auch dort machen sich an Produktionsstraßen langsam Infoterminals mit Netzwerkzugang breit, wo Infos eingeholt werden können und Wissen geteilt werden kann. Man denke außerdem an Österreich als wichtigem Investor im Osten: Produktionen und Standorte zu verbinden, ist unbedingt nötig, um konkurrenzfähig zu sein. Es geht darum, die Technologie und den intelligenten Arbeitsplatz zu fördern und in einen Wettbewerbsvorteil umwandeln.
SN: Kulturwandel dauern in der Regel lang.
Izmir: Ja, deshalb müssen in den Unternehmen jetzt Akzente gesetzt und der vielschichtige Prozess begonnen werden. Früher kamen die technologischen Impulse von den Unternehmen, heute kommen sie von den Mitarbeitern. Es wird Zeit, dass sich beide Bereiche einander wieder sinnvoll annähern – in Richtung einer offenen Technologiekultur am Arbeitsplatz, die von den Unternehmen durch die richtigen Akzente sinnvoll gesteuert wird.
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SalzburgerNachrichten.pdf Änderungsdatum- 03.05.2011 16-02 Typ- PDF-Datei Größe- 4,9 MB
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